Tatort: Das Strandresort PEP – Pueblo Eldorado Playa, seinerzeit eine Ferienanlage mit rund 1’000 Betten, etwa anderthalb Kilometer südlich der Altstadt und des Yachthafens von Cambrils an der Costa Dorada in Spanien. Es muss gegen Ende der 1980er-Jahre gewesen sein.

Damals gehörte ich der Geschäftsleitung der Horizonte AG an, einer Tochtergesellschaft von Hotelplan – seinerzeit im Besitz der Migros Schweiz. Zu meinem Verantwortungsbereich gehörten Marketing und Verkauf unserer Ferienhotels sowie, wenn irgendwo Not am Mann war, die interimistische Führung des einen oder anderen Betriebes. Unsere Resorts lagen rund um das Mittelmeer, in Nordafrika, auf den Malediven und sogar in der Karibik.
Gerade deshalb war ich regelmässig unterwegs. Mal ging es um neue Marketingideen, mal um personelle Fragen, mal um betriebswirtschaftliche Kennzahlen. Diesmal führte mich die Reise ins Pueblo Eldorado Playa.
Der Tag begann ausgesprochen unspektakulär.
Gemeinsam mit dem General Manager diskutierte ich über Auslastung, Ertragssituation und den in der Hotellerie beinahe heiligen RevPAR – den Revenue per Available Room. Wer jemals in einem Hotel Verantwortung getragen hat, weiss, dass solche Gespräche selten Stoff für eine Komödie liefern. Im Gegenteil: Es ging um Zahlen, Prognosen und die Frage, wie wir die verbleibende Saison noch erfolgreicher gestalten könnten. Die Auslastung entsprach unseren Erwartungen noch nicht ganz.
Mitten in diese todernste Besprechung platzte der damalige Chefanimateur unserer Ferienanlagen.
Er klopfte nicht.
Er fragte auch nicht höflich, ob er kurz stören dürfe.
Er riss die Tür auf, blickte mich mit einer Mischung aus Panik und Hoffnung an und sagte im schönsten Schweizerdeutsch:
«Mir isch eussen Hauptdarsteller für d’Rasiershow uusgfalle. Chönntisch du hüt Obe iispringe?»
Ich weiss bis heute nicht, was mich in diesem Moment mehr überraschte.
Die Frage.
Oder die Selbstverständlichkeit, mit der sie gestellt wurde.
Mein Puls begann augenblicklich zu steigen.
Was sollte das überhaupt heissen?
Ein paar Minuten später wusste ich es.
Ich würde am Abend vor mehreren Hundert Gästen auf der Hauptbühne sitzen, als Vertreter von Hotelplan vorgestellt werden, ein paar Worte an unsere Feriengäste richten – und anschliessend öffentlich rasiert werden.
Mit einem überdimensionierten Rasiermesser.
Ich gebe offen zu: Ganz kurz spielte ich mit dem Gedanken, mich elegant aus der Affäre zu ziehen.
Aber wer kann einem gestressten Animateur ernsthaft erklären, weshalb ausgerechnet der Vertreter der Geschäftsleitung kneift?
Also sagte ich zu.
Noch am Nachmittag wurde der Auftritt geprobt.
Ich überlegte mir eine kurze Ansprache und versuchte gleichzeitig herauszufinden, ob dieses riesige Rasiermesser tatsächlich nur eine Requisite war.
Am Abend war es dann so weit.
Der Animateur kündigte mich an.
Ich trat auf die Bühne.
Mehrere Hundert Gäste blickten erwartungsvoll nach vorne.
Nach meiner kurzen Begrüssung nahm ich im Friseurstuhl Platz.
Dann begann die Show.
Ich wurde fachmännisch eingeschäumt.
Der Animateur hantierte mit seinem grotesk überdimensionierten Rasiermesser, als wolle er einen Baum fällen statt einen Hotelmanager rasieren.
Das Publikum krümmte sich vor Lachen.
Und ich?

Ich hätte nie gedacht, dass ich selbst mindestens ebenso viel Spass daran haben würde wie unsere Gäste.
Je länger die Vorstellung dauerte, desto mehr ging ich in meiner ungewohnten Rolle auf.
Heute, Jahrzehnte später, glaube ich sogar, dass diese Episode viel mehr über mich erzählt als über die eigentliche Rasur.
Sie zeigt etwas, das mich durch mein ganzes Berufsleben begleitet hat.
Tagsüber diskutierte ich mit Hoteldirektoren über RevPAR, Auslastung und Wirtschaftlichkeit.
Am Abend sass ich geschniegelt auf einer Bühne und hoffte inständig, dass das überdimensionierte Rasiermesser tatsächlich nur eine Theaterrequisite war.
Heute würde man vermutlich von «Hands-on-Management» sprechen.
Damals hiess das schlicht:
Der Hauptdarsteller war ausgefallen – und jemand musste einspringen.
Vielleicht war genau das einer der Gründe, weshalb ich die Hotellerie und den Tourismus so geliebt habe.
Zwischen Verwaltungsratssitzung und Varietébühne lagen manchmal nur wenige Stunden.
Und manchmal genügte ein einziges spontanes «Ja», um mehreren Hundert Menschen einen unvergesslichen Ferienabend zu schenken.
Rückblickend bin ich sogar überzeugt:
An diesem Abend wurde nicht nur ich rasiert.
Auch die Vorstellung, dass Mitglieder einer Geschäftsleitung sich ausschliesslich hinter Sitzungsprotokollen und Kennzahlen verstecken, bekam einen sauberen Schnitt.