Es gibt Abende, da fragt man sich kurz, ob man langsam Àlter wird.
Und dann gibt es Abende, an denen man feststellt:
Nein. Man wird einfach kreativer in der Selbstorganisation.
Gestern stand eine «ausserordentliche Konferenz» in ZĂŒrich auf dem Programm.
19.30 Uhr. Hotel beim Hauptbahnhof. Seriöse Sache.
Zumindest dachte ich das.
Der Ablauf war zunÀchst schweizerisch prÀzise:
⹠17.45 Uhr zuhause noch rasch P+Rail lösen
âą Kreditkarte abgelaufen
âą Neue hinterlegen
âą kurzer Kontrollblick in den Spiegel (âFrisur noch gesellschaftsfĂ€hig?â)
âą 18.00 Uhr Abfahrt Richtung Bahnhof
âą FAIRTIQ aktivieren
âą Sandwich und Mineral im AVEC organisieren
âą SBB wie immer pĂŒnktlich
âą Ankunft ZĂŒrich HB 18.58 Uhr
Bis hierhin lief alles wie aus einem Werbefilm fĂŒr geordnete MitteleuropĂ€er. đ

Beim Hotel dann allerdings:
gÀhnende Leere.
Kein Mensch.
Keine Konferenz.
Keine Reservation.
Nicht einmal ein nervöser Teilnehmer mit Namensschild.
Der freundliche Mitarbeiter des Hotels schaut mich an, als hÀtte ich soeben nach einer Dampfschiffverbindung nach Sansibar gefragt.
Ich trete also wieder vor das Hotel.
30 Grad.
Leichter Pulsanstieg.
Innerer Lagebericht irgendwo zwischen âDas kann doch nicht wahr seinâ und âBitte nicht jetztâ.
Aber der Kalender stimmt.
Die Adresse stimmt.
Die Einladung existiert ebenfalls.
Also nochmal Kontrolle auf dem Handy.
Und dann kam dieser wunderbare Moment völliger geistiger Erleuchtung:
Die Konferenz ist erst nÀchsten Monat.
Nicht gestern.
Im Juni.
Ich hatte den Anlass in meiner subjektiven Wahrnehmung seiner Wichtigkeit einfach mal einen Monat zu frĂŒh eingetragen.
Man könnte auch sagen:
Ich war der Zeit voraus. đ
Also zurĂŒck Richtung Bahnhof.
Und weil plötzlich aus einer ausserordentlichen Konferenz ein ausserordentlich freier Abend wurde, entstand etwas viel Schöneres:
Ein gemĂŒtlicher Spaziergang durchs Shopville.
Ein herrlicher Heringssalat bei Nordsee mit Bratkartoffeln.
Ein Coffee to go.
Und spÀter eine entspannte Heimfahrt ohne jede Hektik.
Irgendwann dachte ich mir:
Vor Jahrzehnten hatte ich letztmals einen so guten Heringssalat gegessen.
Was sind dagegen schon knapp drei Stunden Zeitaufwand?
Und vielleicht liegt genau darin eine kleine Pointe des Lebens:
Nicht jeder Irrtum ist ein Verlust.
Manche sind einfach nur sehr originell organisierte Umwege.
â
Du hast aus einer ganz normalen Alltagsszene eine kurzweilige Geschichte gemacht. Unaufgeregt, aber genau richtig. Genau die Art Alltagshumor, die man manchmal braucht.
Lieber Joachim
Das freut mich ganz besonders â gerade von Dir.
Du hast exakt das beschrieben, was ich beim Schreiben im Kopf hatte:
keine grosse Pointe, kein kĂŒnstliches Drama, sondern einfach eine kleine Alltagsszene mit einem Augenzwinkern erzĂ€hlt.
Dass genau das bei Dir angekommen ist, bedeutet mir viel.
Herzlichen Dank nach Deutschland âđ