{"id":1314,"date":"2024-01-14T07:39:31","date_gmt":"2024-01-14T07:39:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/?p=1314"},"modified":"2024-02-06T21:22:42","modified_gmt":"2024-02-06T21:22:42","slug":"die-macht-der-demut-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/die-macht-der-demut-2\/","title":{"rendered":"Die Macht der Demut"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">Demut macht unverd\u00e4chtig, weckt Sympathien. Vor allem aber beraubt sie den Gegnern deren Macht.<\/mark><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Demut ist ein enorm untersch\u00e4tztes Machtmittel. Kaum einer rechnet damit, dass hinter der Offenbarung von Schw\u00e4che ein T\u00e4uschungsversuch stecken k\u00f6nnte, der die anderen lediglich einlullen soll. Oft dienen gerade \u00f6ffentliche Selbsterniedrigungen (z.B. von Herrschern) nur dazu, den eigenen Status zu heben und Machtanspr\u00fcche durchzusetzen. Denn Demut macht unverd\u00e4chtig, weckt Sympathien \u2013 vor allem aber beraubt sie den Gegnern deren Macht: Man tritt nicht den, der am Boden liegt. \u2013 Wer sich f\u00fcgt, f\u00fchrt ganz oft. Nicht nur moralisch.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"668\" height=\"632\" src=\"https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-07.30.20.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1362 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-07.30.20.png 668w, https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-07.30.20-300x284.png 300w, https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-07.30.20-317x300.png 317w\" sizes=\"auto, (max-width: 668px) 100vw, 668px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff Demut hat den Beigeschmack des Gestrigen, von Erniedrigung, von Selbstlosigkeit bis zur Selbstverleugnung und steht im schmerzlichen Widerspruch zu einem Zeitgeist, der individuelle Selbstverwirklichung als h\u00f6chstes Gut preist. Gebraucht man heute das Wort Demut, begegnet man nicht selten Unverst\u00e4ndnis oder gar Irritation. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demut wirkt f\u00fcr nicht Wenige wie ein in Ungnade gefallenes Wort, scheint irgendwie nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Das volkst\u00fcmliche Verst\u00e4ndnis der Demut geht gar ein St\u00fcck weit in Richtung \u00abDer Dem\u00fctige ist unterw\u00fcrfig, kriecherisch, w\u00fcrdelos, ohne R\u00fcckgrat, er giert danach, anderen zu gefallen, buhlt um deren Anerkennung\u00bb. Friedrich Nietzsche brachte es zynisch auf den Punkt: \u00abDer getretene Wurm kr\u00fcmmt sich. So ist es klug. Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit von neuem getreten zu werden\u00bb. F\u00fcr Nietzsche geh\u00f6rt Demut zu den gef\u00e4hrlichen, verleumderischen Idealen, hinter denen sich Feigheit und Schw\u00e4che, daher auch Ergebung in Gott verstecken. Ist Demut &#8211; nicht selten verwechselt mit devot &#8211; die passive, erduldende Seite der Medaille, so erscheint als aktiver Part die Dem\u00fctigung. Die \u00f6ffentliche Besch\u00e4mung bis an den Rand der Schande, die der Starke dem Schwachen zuf\u00fcgt, oder besser: zuf\u00fcgen kann. Dabei hat die Dem\u00fctigung, wie wir noch h\u00f6ren werden, mit dem richtig verstandenen Demutsbegriff eigentlich wenig zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Es gibt dazu ein wunderbares historisches Ereignis und Beispiel aus dem Mittelalter:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Mann ging es um nicht weniger als die Gr\u00fcndung des Bistums Bamberg: Heinrich II. liebte die ostfr\u00e4nkische Stadt seit seiner Kindheit, er machte sie sogar seiner Frau zum Geschenk, als Morgengabe. Seit er im Juli 1002 zum ostfr\u00e4nkischen K\u00f6nig gekr\u00f6nt wurde, plante er allerdings bald, dort ein eigenes Bistum zu errichten \u2013 nicht zuletzt, um die noch heidnischen Slawen im Osten seines Reiches endg\u00fcltig zu christianisieren. Nat\u00fcrlich gab es Widerst\u00e4nde, sogar aus der Kirche selbst und durch den Bischof Heinrich von W\u00fcrzburg, der dadurch seine eigene Macht bedroht sah. Die Macht des K\u00f6nigs reichte zwar weit, aber soweit nun auch wieder nicht, dass er einfach \u00fcber Bisch\u00f6fe hinweg entscheiden konnte. Bei der alles entscheidenden Kirchsynode im Jahr 1007 wandte er deshalb einen Trick an: Er erniedrigte sich. Vor den versammelten Mitgliedern warf sich Heinrich II. flach auf den Boden und verharrte dort, bis ihm der Erzbischof aufhalf, um die Versammlung \u00fcberhaupt erst er\u00f6ffnen zu k\u00f6nnen. Jedes Mal, wenn seine Gegner dann in der Sache gute Argumente ins Spiel brachten, warf er sich erneut zu ihren F\u00fc\u00dfen und steigerte so die Wirkung seiner eigenen &#8211; dem\u00fctigen &#8211; Gr\u00fcnde. Die Rhetorik der Widersacher verpuffte, die Leute sahen nur noch Heinrichs Geste der Selbsterniedrigung. Am Ende bekam er sein Bistum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demut ist also keineswegs, wie es Nietzsche suggeriert, die peinliche \u00dcbung des Verlierers, sondern die w\u00fcrdige Geste dessen, der weiss, dass die Welt nicht nur um in selbst kreist. Jeder sich bewusst erlebende Mensch sollte als Ergebnis einer geistigen Entwicklung zu der Erkenntnis gelangen, dass wir Menschen nur sehr kleine R\u00e4dchen in dem unendlich wunderbaren R\u00e4derwerk der Sch\u00f6pfung sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Demut als Antriebsfaktor<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich von Berufs wegen mit F\u00fchrung, mit Leadership befasst, weiss um die Nachhaltigkeit der drei Dimensionen von Demut: W\u00fcrde, Freiheit und das freiwillige Sich-Klein-Machen zu Gunsten eines anderen. Hierzu ein passendes Beispiel: Als Nelson Mandela starb liefen anl\u00e4sslich seines Todes zahlreiche Dokumentationen \u00fcber sein Leben im Fernsehen. &nbsp;Verschiedene Menschen wurden interviewt und immer wieder fiel ein Begriff, wenn sie Mandela beschrieben: Demut. Sie haben Mandela als einen dem\u00fctigen Menschen wahrgenommen. Mandela ist ein klassisches Beispiel f\u00fcr das, was der Management Experte Jim Collins einen \u201eLevel 5 Leader\u201c nennt. Diese h\u00f6chste Stufe von F\u00fchrung zeichnet sich nach Collins durch eine Kombination aus, die auf den ersten Blick paradox anmutet: Demut und Entschlossenheit. Die Kombination dieser beiden Attribute machen Manager erst zu einer hervorragenden F\u00fchrungskraft. Sie begegnen Menschen mit Demut und sind doch tief entschlossen, sich vom Weg Richtung Erfolg nicht abbringen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/karrierebibel.de\/demut\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/karrierebibel.de\/demut\/\">Jochen Mai,<\/a> Gr\u00fcnder der Karrierebibel sowie Autor mehrerer Bestseller, beschreibt das wie folgt: Auch wenn wir uns heute nicht mehr auf den Boden werfen m\u00fcssen, die Demutsgeb\u00e4rde beherrschen Politiker noch immer aus dem Effeff: So erkl\u00e4rte alt Bundeskanzlerin Angela Merkel noch vor ihrem ersten Amtsantritt: \u00abIch will Deutschland dienen\u00bb und demonstrierte damit de facto ihre Macht \u2013 nicht weniger als einem ganzen Volk dienen zu k\u00f6nnen. Wer kann das schon? Auch Karl-Theodor zu Guttenberg entschuldigte sich \u00abin Demut\u00bb nach seiner Plagiatsaff\u00e4re. Soweit die Ausf\u00fchrungen von Jochen Mai.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Demut ist vielleicht keine zwingende Voraussetzung aber eine f\u00fcr die aus der Zeit der Aufkl\u00e4rung stammende Devise von \u00abFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u00bb massgeblich f\u00f6rdernde Tugend. Sie wurde w\u00e4hrend der franz\u00f6sischen Revolution zum ersten Mal beschworen. Sie ist in der Verfassung von 1958 verankert und geh\u00f6rt heutzutage zum franz\u00f6sischen nationalen Kulturgut.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"506\" src=\"https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-08.17.49-1024x506.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1320\" srcset=\"https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-08.17.49-1024x506.png 1024w, https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-08.17.49-300x148.png 300w, https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-08.17.49-1536x758.png 1536w, https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-08.17.49-500x247.png 500w, https:\/\/www.ansgar.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bildschirmfoto-2024-01-14-um-08.17.49.png 1580w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Birger Menke, seit September 2023 Leiter Redaktionelle Organisation des Spiegel, erw\u00e4hnt dazu in seinem Artikel <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/demut-die-wiederkehr-der-werte-a-829604.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/demut-die-wiederkehr-der-werte-a-829604.html\">\u00abWiederkehr der Demut &#8211; Ergebt euch!\u00bb <\/a>folgende Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alexander Dibelius, ex Manager der Investmentbank Goldman Sachs, rief seine Branche zu \u00abkollektiver Demut\u00bb auf. Medienmogul Rupert Murdoch sagte, als er vor dem britischen Unterhaus zu den menschenverachtenden Abh\u00f6rmethoden seiner &#8222;News of the World&#8220; Stellung nehmen musste, es handle sich f\u00fcr ihn um den Tag \u00abgr\u00f6sster Demut\u00bb und FDP-Chef Christian Lindner empfahl seiner Partei nach einer Wahlschlappe in Berlin und dem Nicht-Wiedereinzug ins Parlament vor einigen Jahren, das Ergebnis \u00abin Demut aufzunehmen\u00bb.      <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt unz\u00e4hlige weitere Geschichten dazu, eines zeigen sie alle: Demut mag verstaubt sein, an Wirkung hat sie nicht verloren. Manager und Politiker bedienen sich ihrer, setzen sie ein, als w\u00fcrde das Wort allein ausreichen, um die erw\u00e4hnten Scheinwerfer zu dimmen, die auf sie und ihre Misere gerichtet sind. Doch Demut ist mehr als ein verbales Spezialeinsatzkommando. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beispiel Matthias Sammer: Als ex Sportvorstand beim FC Bayern M\u00fcnchen legte er gro\u00dfen Wert auf die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung der Jungprofis. Sie sollen dem\u00fctig sein, trotz des Geldes, trotz des Ruhms, trotz der Branche. Es ist dieser Trotz, den die Demut interessant macht in einer Zeit, da Protest allt\u00e4glich wird. Was die Emp\u00f6rten von den Machthabern verlangen, ist Demut: vor der Verantwortung, die ihnen qua Amt oder Posten \u00fcbertragen wurde. Und es scheint durch aktuelle Ereignisse Fuss zu fassen in den K\u00f6pfen der Verantwortlichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Originalton Matthias M\u00fcller (von September 2015 bis April 2018 Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, Vorstandsmitglied der Porsche-Holding sowie Aufsichtsratsvorsitzender bei Audi) nach dem Diesel-Abgas-Manipulations-Skandal: \u00abEtwas mehr Demut steht uns gut an\u00bb. Nach der Niederlage kommt die Demut. <em>Mit diesen Ausf\u00fchrungen von Birger Menke kommen wir zum Schlusswort:<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie auch immer die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung der Tugend Demut positiv in die H\u00e4nde spielt: Sie kann nicht von aussen verordnet werden, wie man auch niemanden zwingen kann ein guter Mensch zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Ansgar Sch\u00e4fer<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Quellenhinweise, Literatur<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Wiederkehr der Demut: Ergebt euch! \u2013 Birger Menke SPIEGEL ONLINE PANORAMA       karrierebibel.de \u2013 Jochen Mai                                                                                                                        Jim Collins \u2013 \u201eLevel 5 Leader\u201c <br>Mit Demut leiten \u2013 Lernen von Nelson&nbsp;Mandela, Dr. Malte Detje<br>Bildnachweis \u00a9Gregory Colbert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demut macht unverd\u00e4chtig, weckt Sympathien. 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